Es ist der 23. Dezember und Lea blickt nachdenklich aus dem Fenster «Ach Mama», seufzt sie, «wo bist du jetzt bloss?» Das verstehst du, liebe Leserin oder lieber Leser, wahrscheinlich nicht. Deshalb erkläre ich es dir. Leas Mutter Emily Blossom ist eine Ornithologin und reist um die Welt, deshalb sehen sich Mutter und Tochter nie. Das einzige was Lea von ihrer Mutter hat, sind die vielen Postkarten, die sie immer wieder bekommt. Die letzte Postkarte, die im Briefkasten lag, kam aus Neuseeland. Lea liest sie jetzt schon zum sechzehnten mal durch.
Liebe Lea,
Ich hoffe, dir und Papa geht es gut. Vorne auf der Karte siehst du Neuseeland von oben. Ich liebe diese Insel. Ich bin hier auf einen interessanten Fund gestossen, aber darüber möchte ich noch nichts verraten. Ich denke, es würde dir hier genauso gefallen wie mir, mit diesen vielen aussergewöhnlichen Tieren. Erst gerade habe ich einen Kea gesehen, das ist eine sehr seltene Papageienart. Wenn du mir zurückschreibst, musst du mir unbedingt erzählen, was mit diesem Daniel läuft. Das letzte Mal hast du so verliebt getönt, dass ich mich richtig für dich gefreut habe. Zumindest wünsche ich dir viel Glück ;). Vielleicht sehen wir uns ja bald wieder. Kuss
Mama
Als Lea die Postkarte wieder weglegt, hat sie Tränen in den Augen. Sie blickt die vielen Postkarten an ihrer Pinnwand an. Da ist eine aus Chile, eine aus Norwegen, eine aus Korsika und eine aus Indien. Das sind ihre Lieblingskarten. Dann blickt sie wieder aus dem Fenster. Das beschlagene Glas gibt den Blick auf eine dunkle Strasse frei, die nur von einer Strassenlaterne beleuchtet wird. Vor ihren Augen beginnen die ersten Schneeflocken zu fallen. Lea dreht am Fenstergriff, öffnet das Fenster und streckt den Kopf in die kalte Winterluft. Als sie blinzelt, bemerkt sie, dass unten auf der Strasse eine Kerze leuchtet. Neugierig blickt sie genauer hin. Da liegt doch ein Zettel.
Schnell zieht sie sich die erstbesten Schuhe an, die ihr in die Hände fallen. Na toll, es sind die glitzernden roten Pumps, die zu ihrem Weihnachtsoutfit gehören, das sie immer noch anhat. Bevor sie so rührselig geworden ist, hat sie nämlich das rote Kleid und die Strümpfe anprobiert. Sie geht morgen Abend mit ihrem Vater zum Weihnachtsfest des strengen Teils der Familie. Darum muss alles perfekt sitzen. Lea reisst sich von ihren Gedanken los und stürzt die Treppe herunter. Dieser Zettel hat ihre Aufmerksamkeit geweckt und Ablenkung ist genau das, was sie momentan gebrauchen kann. Als sie bei der Haustür ankommt schnappt sie sich ihren Mantel von der Garderobe. Sie geht die Strasse entlang, bis sie bei der Kerze ankommt. Langsam beugt sie sich zum schon ziemlich verschneiten Boden hin. Bedächtig hebt sie den Zettel auf und klappt ihn auf. Dort steht in verschmierter Schrift:
Hey Lea, ich wusste, dass dieser Zettel deine Neugier wecken würde. Ich würde mich sehr freuen, wenn du heute Abend an das Rheinufer beim Spielplatz kommen würdest. Ich bin um 18:30 dort.
Lea blickt auf ihre Armbanduhr. Es ist schon 18:14 und bis zu der beschriebenen Stelle dauert es mindestens eine Viertelsund zu Fuss. Lea fasst einen Entschluss: Wer immer sich die Mühe macht, ihr so einen Brief zu schreiben, hat ein Recht auf ihre Aufmerksamkeit. Also wirft sie noch einen kurzen Blick zurück zum Haus und geht dann mit schnellen Schritten in Richtung Rhein. Als sie halb erfroren ankommt, wirft sie noch einmal einen Blick auf ihre Uhr. Es ist 18:34. Sie eilt zu dem Ort, von dem sie im Brief gelesen hat. Dort steht, im Licht des Karussells, ein junger Mann, der ihr den Rücken zugekehrt hat. «Lea bist du es?» fragt der Mann. Lea stutzt: «Daniel? Was machst du hier?» Daniel dreht sich um: «Komm bitte mit, ich möchte dir etwas zeigen, Lea» «Aber … » beginnt sie, wird aber von Daniel an der Hand gepackt und mitgezogen. Da gibt Lea das Fragen auf. Zusammen gehen sie die dunkle, verschneite Strasse entlang. Der Junge in Schal, Mütze und mit Fäustlingen und das Mädchen in einem glitzernden roten Kleid mit passenden High Heels und einem dunkelgrauen Mantel. «Ist dir kalt?», Daniel blickt sie fragend an und sieht, dass sie zittert. Ohne etwas zu sagen, legt er ihr seinen Schal um. Eine kurze Zeit gehen sie schweigend weiter. Dann fragt Lea abrupt: «Wo gehen wir hin, Daniel?» Seine Antwort ist nur ein geheimnisvolles «Das wirst du schon sehen …» Jetzt ist Lea nur noch neugieriger, aber Daniel beginnt schon wieder zu sprechen: «Weißt du eigentlich wie schön dieses Kleid ist? Ich finde es steht dir super.» Lea wendet den Kopf ab um zu verbergen, dass sie rot wird. «Danke, das ist sehr nett von dir» Dann bindet Daniel ihr plötzlich mit einem Tuch die Augen zu und sagt: «Du darfst nicht gucken, das wird eine Überraschung.» Durch das Tuch sieht Lea ein rotes Schimmern und trotz Daniels sanfter Führung bemerkt sie, dass sie über eine Türschwelle ins Warme treten. «Warte bitte hier, Lea» sagt er und Lea spürt dass er sich entfernt. Kurz darauf hört sie, dass Daniel sich leise mit jemandem unterhält. Dann kommt er wieder zu ihr und führt sie weiter. «Du kannst dich setzten, da steht ein Stuhl» sagt Daniel leise und als sie sich gesetzt hat nimmt er ihr das Tuch ab. Sie sitzt an einem runden Tisch aus poliertem Mahagoni auf dem ein weihnachtliches Blumengesteck mit einer Kerze darin steht. Daniel setzt sich ihr gegenüber hin, während sie sich im Raum umschaut. Der Tisch, an dem sie sitzen, steht am Fenster und im Raum verteilt stehen vier weitere leere Tische. Die Decke und der Boden sind beide aus Holz, das im Licht der Kronleuchters aus wunderschönen Prismen, golden glänzt. Die Wände sind in einem Grünton gestrichen und mit Fotos von schönen Landschaften übersäht. Im Hintergrund läuft leise das Lied «Last Christmas». Lea wendet den Blick wieder dem jungen Mann zu, der ihr gegenüber sitzt, und bemerkt, dass Daniel eine Rose in der Hand hält. Die Rose ist orange und hat an den Rändern der Blütenblätter eine rote Linie. «Für dich», Daniel sieht ihr in die Augen. Leas Wangen werden bei dem intensiven Blickkontakt ganz rot, aber auch Daniels Gesicht wird leicht rosa. Da sie völlig versunken in ihrer eigenen Welt sind, erschrecken sie sich beide, als die Türe aufgeht. Hinein kommt ein Mann der ihnen eine Speisekarte bringt. Jetzt wird Lea klar, dass sie in einem Restaurant sind. Als der Kellner wieder gegangen ist, studieren die beiden die Speisekarte. Lea überlegt noch, als sie das Wort an ihren Gegenüber wendet: «Was nimmst du Daniel?» «Weiss noch nicht … Du?» fragt er zurück und sie sagt: «Ich weiss nicht ob ich den Lachs mit gedünstetem Gemüse oder das Rindsfilet mit Kartoffelkroketten nehmen soll.» Da lacht Daniel: «Ich hatte auch die beiden im Auge. Wie wäre es, wenn wir beides je einmal bestellen und dann teilen?» «Das wäre eine tolle Idee, dann kommen wir in den Genuss von beidem», sagt Lea und muss auch lachen.
Als der Kellner wieder kommt bestellen sie und plaudern dann weiter. Die beiden lachen viel und haben Spass. Dann kommt das Essen und der Kellner bringt eine kleine Überraschung mit. Einen Krug Fruchtbowle, deren Früchte zu lauter kleinen Herzen geformt sind. Nachdem Lea und Daniel sich fröhlich bedankt haben, stellen die beiden Teller mit dem Essen in die Mitte des Tisches. Da nimmt Daniel eine Gabel voll Lachs und steckt ihn Lea in den Mund. «Und wie schmeckt es?» neckt er sie. «Probier doch selbst» antwortet sie und füttert ihn mit einem Löffel voll Gemüse. Lachend füttern sie einander und bestellen dann noch ein Coupe Hot Berry. Auch den teilen sie, genau wie das Essen. Die Zeit vergeht wie im Flug. Als sie bezahlt haben und langsam nach draussen gehen wollen, nimmt Lea Daniels Hand und beginnt mit ihm zu dem im Hintergrund laufenden «Mistletoe» von Justin Bieber zu tanzen. Ihre Rose steckt Lea in ihr offenes Haar. Für kurze Zeit macht Daniel mit, aber dann gesteht er ihr leise: «Eigentlich bin ich nicht so ein Tanzfan, Lea.» «Ich eigentlich auch nicht, ich wollte nur schauen, wie du reagierst.» antwortet sie. Dann gehen die beiden Hand in Hand nach draussen, ans Rheinufer. Unter einer Strassenlaterne setzten sie sich auf eine Mauer und blicken auf den tosenden Fluss der im Mondlicht schimmert. Dann legt Daniel eine Hand an Leas Wange und küsst sie sanft. Lea küsst ihn zurück. Und als sie aufhören, legt Daniel eine Hand um ihre Schulter. Nach einer Weile Schweigen fragt Daniel: «Lea willst du mit mir zusammen sein?» Da muss Lea nicht lange überlegen «Ja, das will ich», ruft sie in die Nacht hinaus und küsst ihn noch einmal. Etwas später begleitet Daniel die zitternde Lea nach Hause und verabschiedet sich: «Ich hoffe, wir sehen uns morgen wieder.» «Daniel», flüstert Lea leise, «du bist mein Weihnachtswunder!» Dann küsst sie ihn flüchtig, bevor sie im Haus verschwindet. Leise steigt sie die Treppe in ihr Zimmer hoch. Sie schaut aus ihrem Fenster und sieht ihren Freund im Schneegestöber davongehen. Sie öffnet das Fenster und ruft hinaus: «Ich liebe dich, Daniel!» und er ruft zurück «Und ich liebe dich, Lea!» Sie schliesst das Fenster und setzt sich an ihren Schreibtisch. Sie nimmt ein Briefpapier hervor und beginnt zu schreiben …
Liebe Mama,
Vielen Dank für das Glück, das du mir gewünscht hast. Ich berichte dir jetzt alles über Daniel und mich …
Und jetzt lasse ich Lea wieder allein ihren Brief schreiben. Vielleicht hören wir wieder mal von ihr. Und euch dort draussen wünsche ich auch so ein Weihnachtswunder, wie Lea es erlebt hat.
Frohe Weihnachten und bis zum nächsten Mal
Undomiel ❤️