Eine kleine Weihnachtsgeschichte

Damit ihr nicht in den Türchen suchen müsst, gibt es hier nochmals die Geschichte von Maria und Jael am Stück. Viel Spass!

 

Teil 1: Nick

Ich starre auf den riesigen Berg von Geschenken. Er ist so gross, dass ich auf die Zehenspitzen stehen muss, um ihn zu überblicken. Gerade als ich mich setzen will, kommt mein Vater hinein. Er wirkt sehr erschöpft und traurig. «Was ist passiert, Santa?», frage ich. Als er mir nicht antwortet, beginne ich mir Sorgen zu machen. Es vergehen einige Minuten, bis er mir antwortet: «Meine Wichtel sind alle krank geworden, ich kann die Geschenke morgen nicht alleine verteilen. Ich ahne schon, was er als Nächstes sagt. «Nick ich weiss, du hast momentan selbst viel um die Ohren mit dem Umzug und der neuen Schule, aber du wirst mir einfach helfen müssen.» Oh nein! Nicht auch das noch. Ich will gerade etwas entgegnen und protestieren, als Santa in seinen Schlitten steigt und davonfliegt.

Heute ist Heiligabend. Mein Vater und ich schleppen die grossen Säcke voll mit Geschenken zum Schlitten und binden sie hinten mit einem Geschenkband an. In wenigen Minuten geht es los. Lustlos spanne ich die Rentiere vor den Schlitten und steige hinein. Die Rentiere beginnen zu springen, während wir langsam abheben.

Nach geschlagenen zwei Stunden steige ich endlich aus. In meiner Hand halte ich drei Geschenke und einen Stadtplan. Das erste Haus ist zum Glück nicht weit. Es hat einen grossen Kamin, durch den ich sicher durchpasse. Ich entscheide mich aber trotzdem für die Tür, die nur angelehnt ist. Singend öffne ich sie und trete leise ein. Ich gehe ins Wohnzimmer zum Tannenbaum und will die Geschenke abstellen, als ich sie sehe …

 

Teil 2: Julia

“Jingle Bells, Jingle Bells Jingle …”

Ich öffne die Augen und setze mich im Bett auf. Was höre ich denn da? Jemand singt ein Weihnachtslied. Ist etwa jemand bei mir eingebrochen oder habe ich bloss wieder vergessen, das Radio abzustellen? In den letzten Tagen spielen sie ja nur noch die gleichen Lieder – genau, Weihnachtslieder!!! Ich kann sie langsam nicht mehr hören. Ich bin jetzt so müde, dass ich einfach keine Lust habe, jetzt aufzustehen und das Radio auszuschalten. Soll es doch einfach weiterlaufen. Also lege ich mich hin und versuche wieder einzuschlafen.

Doch es geht nicht lange, bis ich erneut aufsitze. Dieses Mal habe ich Schritte gehört. Jemand ist in meinem Zuhause. Jetzt nehme ich meinen ganzen Mut zusammen und gehe in den oberen Flur. Von dort kann man direkt in das Wohnzimmer sehen. Aber was sehe ich denn da? Eine Gestalt in einem rot-weissen Mantel mit Mütze und einem weissen Bart (der unecht ist, das kann ich sogar mit meinen verschlafenen Augen von hier oben sehen. Wusste ich doch, dass das alles nur Betrüger sind!). Aber jetzt zurück zur Sache. Was macht der Typ da? Ich überlege lange, was ich jetzt tun soll. Oh, bin ich blöd, heute ist doch Heiligabend und der Möchtegern-Samichlaus verteilt die Geschenke. Ich schaue auf die Uhr, die an der Wand hängt. Es ist schon Mitternacht, ich sollte lieber schlafen gehen. Ich schleiche zurück in mein Zimmer, aber als ich die Türe aufmachen will, bleibe ich noch einmal stehen. Ich lausche ein letztes Mal diesem nervigen Lied, das plötzlich so wunderschön klingt. Ich lausche noch etwas länger. Ich hätte nie gedacht, dass der Weihnachtsmann so schön singen kann.

 

Teil 3: Nick

Ich sehe sie an und sie schaut verängstigt zurück. Sie erkennt mich nicht, was jetzt auch kein grosses Wunder ist, da ich einen riesen Bart im Gesicht habe und komplett mit Schnee bedeckt bin. Aber ich erkenne sie. Sie ist das wunderschöne Mädchen, das ich in der Schule gesehen habe. Ich weiss ihren Namen nicht, vermute aber, dass sie Julia heisst, da dies auf dem einen Päckchen steht. Wir schauen uns noch eine Weile an und wollen beide etwas sagen, bringen jedoch keinen Ton heraus. Gerade als ich mich zusammengerissen habe und überlege, was ich zu ihr sagen soll, taucht Santa auf und zieht mich aus dem Haus. «Wieso hat das so lange gedauert? Wir müssen schnell weiter zum nächsten Haus, sonst schaffen wir es bis morgen nicht.»

Mein Wecker klingelt und ich öffne meine Augen. Ich bin noch so müde von gestern Nacht. Heute ist aber wieder Schule und ich muss mich noch anziehen und frühstücken. Die ganze Zeit muss ich an Julia denken. Wieso habe ich denn nichts zu ihr gesagt? Ich hätte nach ihrer Nummer fragen können oder ihr zumindest meinen Namen verraten sollen. Ich muss sie heute unbedingt in der Schule ansprechen. Hoffentlich sehe ich sie heute.

Gerade als ich aus dem Bus aussteige, sehe ich sie. Sie sitzt auf einer Bank und redet mit ihren Freundinnen. Ich nehme all meinen Mut zusammen und spreche sie an. «Hey, Julia, hast du heute schon was vor?», frage ich sie mit zitternder Stimme. Zuerst beachtet sie mich gar nicht, und als sie sich dann doch zu mir umdreht, macht sie nur ein genervtes Gesicht und sagt, ich solle abhauen, sie habe Wichtigeres zu tun. Mein Herz schmerzt und ich spüre wie mir die Tränen kommen. Ich will ihr erzählen, dass ich der Weihnachtsmann von letzter Nacht war, aber sie hört mir nicht einmal zu. Julia steht auf und geht, ohne mich noch eines Blickes zu würdigen. Ich kann die Tränen nicht mehr zurückhalten und renne schnell wieder zur Bushaltestelle. Der Tag ist gelaufen! Ich werde wieder nach Hause fahren, in die Schule gehe ich heute sicher nicht!

 

Teil 4: Julia 

Am nächsten Tag in der Schule:

Es ist nur noch ein Tag bis zu den Ferien. Ich habe mir vorgenommen, den Jungen, der als Weihnachtsmann verkleidet bei mir Zuhause war, heute zu finden. Jedoch bin ich immer noch sehr verwirrt, als mich gestern dieser Typ angesprochen hatte. Was wollte er von mir? ich hätte ihm am liebsten gesagt, dass ich einen Freund hätte und sehr verliebt bin. Doch das stimmt ja nur teilweise. Ich bin verliebt (in den Weihnachtsmann, also eigentlich in den Jungen, der sich als Weihnachtsmann ausgibt!), aber einen Freund habe ich nicht (obwohl ich es mir sehr wünschte), also habe ich gesagt, dass er verschwinden soll und ich Besseres zu tun hätte. Je mehr Zeit vergeht, desto mehr wünsche und hoffe ich, dass ich ihn endlich finde. Mein einziger Hinweis: seine Stimme.

Ein paar Stunden später: 

Ich geb’s langsam auf. Die letzte Schulstunde ist bald fertig. Dann ist die Schule fertig, alle gehen nach Hause und dann werde ich ihn nicht mehr sehen. Es ist hoffnungslos! Jetzt klingelt es und alle rennen aus dem Schulhaus. Endlich sind Weihnachtsferien! Das ist zwar toll, aber ich habe ihn nicht gefunden. Traurig laufe ich zur Bushaltestelle und warte auf den Bus. Als der Bus da ist und alle einsteigen, gibt es wie immer ein Riesengedränge. Jeder will einen Platz haben. Zum Glück kriege ich noch den letzten Platz. Der Bus fährt los. Ich schaue aus dem Fenster. Ich habe Kopfschmerzen, denn im Bus ist es sehr laut. Plötzlich richte ich mich auf. Ich höre jemanden singen. Es ist ein Weihnachtslied. ich mag die zwar wirklich nicht gerne, aber die Stimme ist einfach so wunderschön. Ich höre noch eine Weile zu, bis ich begreife, dass die Stimme genau so klingt, wie die an Heiligabend bei mir zu Hause. Es muss einfach der gleiche Typ sein. Ich richte mich auf und drehe mich um. Ich schaue im Bus umher, bis ich einen singenden Jungen sehe. Es ist der, der mich gestern angesprochen hat. Jetzt bekomme ich ein bisschen ein schlechtes Gewissen. Ich bin mir ganz sicher, dass er es ist. Ich stehe auf, nehme meine Sachen und gehe zu ihm rüber. Mein Herz pocht, doch ich muss es einfach tun. Ich will das tun. Ich spreche ihn mit „Hallo, ich bin Julia“ an. Er schaut zu mir hoch. Seine Augen sind wunderschön, genau wie seine Stimme. Er nimmt seinen Rucksack von dem Platz neben sich und deutet mir an, dass ich mich setzten soll. Ich setze mich und wir beginnen ein Gespräch. Es stellt sich heraus, dass er der Sohn vom Weihnachtsmann ist. Verrückt, oder? Wir verstehen uns wirklich super. Wir wohnen sogar nur zwei Strassen voneinander entfernt, das heisst, wir können zusammen in die Schule und gemeinsam wieder nach Hause gehen. Zum Abschluss gibt er mir einen Kuss auf die Wange. Ich glaube fest daran, dass aus uns etwas wird.  

 

 

 

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Hinter dem Administrator verbirgt sich Frau Schaub aus dem Lesezentrum. Sie organisiert im Hintergrund den Blog und hilft den Bloggern beim Schreiben. Wenn sie gerade mal nicht am Lesen ist, schaut sie Filme (am liebsten im Kino) und bäckt Süsses (vor allem, wenn sie wütend ist).