{"id":2824,"date":"2020-12-16T00:00:21","date_gmt":"2020-12-16T01:00:21","guid":{"rendered":"https:\/\/seksissach.ch\/lz_blog\/?p=2824"},"modified":"2020-12-07T10:40:27","modified_gmt":"2020-12-07T11:40:27","slug":"8-dezember-die-verschwundene-stadt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/seksissach.ch\/lz_blog\/2020\/12\/16\/8-dezember-die-verschwundene-stadt\/","title":{"rendered":"16. Dezember: Die verschwundene Stadt"},"content":{"rendered":"<p>Hier mein Beitrag f\u00fcr den Schreibwettbewerb <a href=\"http:\/\/baslereule.ch\/\">&#8222;Basler Eule 2020&#8220;<\/a> zum Thema &#8222;Die verschwundene Stadt&#8220;. Der Einsedeschluss war der 1. Dezember.<\/p>\n<p><strong>Die verschwundene Stadt<\/strong><br \/>\nDie Regierung hat wieder mal eine Entscheidung getroffen, ohne die Bev\u00f6lkerung zu fragen. Als die w\u00f6chentlichen News in die Stadt kamen, um die Neusten Informationen zu verk\u00fcnden, hatte man uns gesagt, dass wieder der Krieg ausgebrochen sei. Diese Nachricht hatte mich und meine Familie sehr schockiert.<br \/>\nVor 6 Jahren musste mein Vater in den Krieg ziehen und dort wurde er auch umgebracht. Ich stand ihm sehr nah und ich weiss, dass er einer der tapfersten Krieger gewesen war. Dazu kommt noch, dass ich in meiner Familie der einzige Sohn bin. Und auch wenn ich schon 25 Jahre alt bin, bin ich noch nicht bereit, von zuhause wegzugehen. Am allerwenigsten will ich diese Stadt verlassen. Sie bedeutet mir so unglaublich viel. Viele fragen mich oft, weshalb ich diese Stadt so liebe. Ich erinnere mich sehr gerne an diese Geschichte. Sie erinnert mich an meinen geliebten Vater und an das, was wir alles gemeistert haben.<\/p>\n<p>1977 starteten ich und mein Vater eine Demonstration, in der wir die Menschen anforderten, f\u00fcr unsere Stadt zu k\u00e4mpfen. Es war eine Stadt gewesen, in der es nur so von Regeln gewimmelt hatte. Ich habe viele von diesen Regeln verabscheut. Aber nur eine w\u00fcnschte ich zur H\u00f6lle: Sie verbot es den Frauen, das zu machen, was sie wollten. Denn die Regierung glaubte, die Frau sei dazu\u00a0 geboren, eine Hausfrau zu sein und auf die Kinder aufzupassen.<br \/>\nDiese Regel bestimmte zudem, dass nur der Mann entscheiden darf, wann und ob die Frau das Haus verlassen durfte. Die Frau durfte nicht mitentscheiden, welchen Mann sie heiratete, und wenn sie einmal verheiratet war, musste sie den Kontakt zur Familie abbrechen. \u201eEine Frau soll sich voll und ganz auf den Haushalt und die Kinder konzentrieren. Da hat nicht noch eine andere Familie Platz&#8220;, begr\u00fcndete die Regierung diese Regel.<\/p>\n<p>Als meine Schwester mit 20 Jahren heiraten musste und so einen Trottel als Mann bekam, verabschiedeten sich Vernunft und Verst\u00e4ndnis von mir. Denn meine Schwester h\u00e4tte etwas viel besseres verdient also nur so ein &#8222;Ich bin der beste&#8220;-Typ. Als wir sie das letzte Mal gesehen haben, sah sie so unglaublich traurig aus. Diesen Blick werde ich nie wieder vergessen. Das war der Zeitpunkt gewesen, in dem mein Vater und ich entschieden hatten, die B\u00fcrger von Wellington aufzufordern, der Regierung mal geh\u00f6rig die Meinung zu sagen. Und das taten wir. Es machten so viele Leute bei der Demonstration mit. M\u00e4nner, Frauen und ja, sogar auch Kinder. Es ging soweit, dass der B\u00fcrgerkrieg ausbrach. Bis schliesslich auch die Regierung verstanden hatte, dass es so nicht weitergehen konnte. Also baten sie uns eines Tages in das Regierungshaus und boten uns einen Deal an. Wir sollte die Menschen auffordern, mit dem K\u00e4mpfen aufzuh\u00f6ren. Im Gegensatz d\u00fcrften die Frauen selber entscheiden, wann sie nach draussen gehen wollten, sie d\u00fcrften mit den Heiratsberaterinnen mitentscheiden, wen sie heiraten wollten, und die verheirateten Frauen d\u00fcrfen mit der Familie im Kontakt bleiben. Sie gaben uns 3 Tage, um das Volk zu beruhigen. Als mein Vater und ich diese gute Nachricht den Menschen erz\u00e4hlten, waren alle gl\u00fccklich gewesen, dass wir es geschafft hatten. Und meine Vater und ich waren unglaublich stolz auf unser vollendetes Werk.<\/p>\n<p>Das ist die Erinnerung, die mich noch immer so sehr mit meinem Vater verbindet, obwohl er schon tot ist. Noch heute nch 10 Jahren danken mir Menschen. Und deshalb ist diese Nachricht so schockierend \u2013 weil es bedeutet, dass ich von Zuhause und von dieser Stadt weggehen muss. Und vielleicht nie mehr zur\u00fcckkehren werde.<br \/>\nNoch am selben Abend musste ich Abschied nehmen, denn der Flieger, der mich nach Osten bringen sollte, flog um Punkt 00.00. Mir blieben noch 7 Stunden f\u00fcr den Abschied.<\/p>\n<p>Im Osten trainierten wir 3 Wochen und waren danach bereit f\u00fcr den Krieg. Wir stiegen in ein Flugzeug, das uns an die Front brachte. Wir hatten schon die H\u00e4lfte des Weges zur\u00fcckgelegt, als pl\u00f6tzlich eine Durchsage kam:<br \/>\n&#8222;Achtung, Achtung, ein unvorhergesehener Sturm zwingt uns eine Notlandung zu machen! Befestigen Sie ihr Atmungsger\u00e4t. Bitte bewahren Sie Ruhe und bleiben Sie auf Ihren Pl\u00e4tzen!&#8220; Ich bekam richtig Angst. So schreckliche Angst wie noch nie zuvor. Ich war mir zwar nicht 100% sicher gewesen, irgendwann in meine geliebte Stadt zur\u00fcckzukehren, aber mit dieser schlechten Nachricht breitete sich ein ungutes Gef\u00fchl in mir aus. Ich war mir sicher, dass ich meine Stadt und meine Familie nie mehr sehen w\u00fcrde. Denn diese Flugzeuge sind nicht daf\u00fcr bekannt, eine gute Notlandung hinlegen zu k\u00f6nnen. Ich sp\u00fcrte, wie das Flugzeug pl\u00f6tzlich sank und dabei immer mehr an Geschwindigkeit zunahm. Mein letzter Gedanke bevor mir schwarz vor Augen wurde war: &#8222;Wieso muss mir immer so etwas passieren?&#8220;<\/p>\n<p>&#8222;Wo bin ich? Wer bin ich?&#8220; Ich erschrak, als ich pl\u00f6tzlich so viele Stimmen und ein Piepsger\u00e4usch h\u00f6rte. Sp\u00e4ter wurde mir gesagt, dass ich als Einziger den Flugzeugabsturz \u00fcberlebt hatte, daf\u00fcr aber mein Ged\u00e4chtnis verloren hatte. Und sie hatten recht. Ich konnte mich an \u00fcberhaupt nichts mehr erinnern. In den n\u00e4chsten Wochen versuchten sie meine Erinnerungen zur\u00fcckzuholen. Doch vergeblich. Was ich jedoch nie vergessen hatte, war, dass ich einst eine Stadt geliebt hatte und dass ich etwas ganz Grosses geschaffen hatte. Was, hatte ich aber leider vergessen. Mir jedem Tag wurde mir bewusster, dass ich meine Familie und meine Stadt verloren hatte. Ich sah keinen Sinn mehr in diesem Training und beschloss, abzuhauen und mich auf die Suche nach meiner geliebten Stadt zu machen. Doch wie sollte ich das bewerkstelligen? Selbst den\u00a0 Name der Stadt hatte ich vergessen.<\/p>\n<p>Tagelang streifte ich durch Strassen, bis ich irgendwo mitten in der Pampa einen einigermassen gesch\u00fctzten Ort fand, an den ich mich bei schlechtem Wetter verkriechen konnte. Als ich wieder mal auf der Suche nach etwas Essbares war, stiess pl\u00f6tzlich eine alte Frau zu mir. Zuerst bemerkte ich sie gar nicht. Und als sie mich ansprach und fragte, warum ich so traurig sei, erschrak ich. Ich blieb stehen und dachte nach, ob ich diese Frage beantworten sollte. Als mich diese Frau nochmals fragte, erz\u00e4hlte ich ihr alles, was ich noch wusste. Als ich ihr dann ins Gesicht sah, sah ich auch Trauer in ihren Augen. Also fragte ich sie, warum sie so traurig sei. Und als sie mir erz\u00e4hlte, dass sie ihren \u00fcber alles geliebten Mann bei der Schlacht verloren hatte, kamen mir auf ein Schlag wieder alle Gedanken, die ich verloren geglaubt hatte. Ich wusste wieder, wie ich hiess, \u2013 Kari \u2013 und warum mir diese Stadt so wichtig gewesen war. Meine Gedanken waren so frisch wie vor dem Flugzeugabsturz. Doch etwas wusste ich noch immer nicht. N\u00e4mlich wie meine geliebte Stadt hiess. Eigentlich sollte ich froh sein, dass ich meine Gedanken wieder hatte, doch so war es nicht. Ich war immer noch so traurig wie zuvor. Denn dieser EINE Gedanke ging nicht weg. Ich hatte sie verloren! Meine Stadt.<\/p>\n<p>Die Frau musste bemerkt haben, dass irgendetwas los war, und ich sagte ihr alles, ohne dass sie danach fragen musste. Ich hatte das dringende Bed\u00fcrfnis, alles rauszulassen. Als ich ihr auch gesagt habe, warum ich immer noch so traurig sei, sagte sie mir diesen einen Satz, den ich nie vergessen werde.<br \/>\n&#8222;Wenn du glaubst am Boden zu liegen, dann suche eine Hand, die dich wieder auf die F\u00fcsse zieht. Wenn du den Kopf gesenkt h\u00e4ltst wie ein Verlierer, sieht dir das jeder an. Deshalb halte den Kopf immer oben und schaue die Sachen positiv an. Wenn dir etwas fehlt, dann gib dir Zeit, es zu finden. Alles Gute!&#8220;<\/p>\n<p>Dieser Satz begleitete mich durch mein ganzes Leben. Doch den Namen meiner Stadt weiss ich bis heute nicht \u2026<\/p>\n<p>The End<br \/>\nvon Lexy<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Hier mein Beitrag f\u00fcr den Schreibwettbewerb &#8222;Basler Eule 2020&#8220; zum Thema &#8222;Die verschwundene Stadt&#8220;. Der Einsedeschluss war der 1. Dezember. Die verschwundene Stadt Die Regierung hat wieder mal eine Entscheidung getroffen, ohne die Bev\u00f6lkerung zu fragen. Als die w\u00f6chentlichen News in die Stadt kamen, um die Neusten Informationen zu verk\u00fcnden, hatte man uns gesagt, dass &hellip; <a href=\"https:\/\/seksissach.ch\/lz_blog\/2020\/12\/16\/8-dezember-die-verschwundene-stadt\/\" class=\"more-link\"><span class=\"screen-reader-text\">16. 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